(28. September 2006; Note: 1,0; Soziologie der Entwicklungsländer; Institut für Soziologie und Demographie; PD Dr. Detlev Wahl)

Überblick über die sozialen Ursachen des islamischen Fundamentalismus

Inhaltsverzeichnis

 

1. Einleitung

1.1 Zielstellung

Mit dieser Hausarbeit soll ein Überblick über die sozialen Ursachen für den islamischen Fundamentalismus herausgearbeitet werden. Um den Islam, die Zusammenhänge und die Tragweite der Religion auf seine Anhänger und das daraus resultierende Selbstverständnis der Muslime sowie die Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft zu verstehen, ist es notwendig, den geschichtlichen Werdegang und die aktuelle Situation des Islams darzulegen. Aus diesen Betrachtungen ergibt sich dann ein Bild der Ursachen des islamischen Fundamentalismus.

Obwohl die terroristischen Aktivitäten islamischer Fundamentalisten in den letzen Wochen gerade für Deutschland an Brisanz zugenommen haben, wird in dieser Hausarbeit nicht näher auf den Terrorismus als eine Art oder Auswirkung des islamischen Fundamentalismus eingegangen.

 

1.2 Sprachliche Aufschlüsselung

In dieser Hausarbeit wird eine Reihe von Begriffen verwendet, deren Bedeutung in der Tagespresse und damit auch in der öffentlich vorherrschenden Meinung, sehr unterschiedlich sein kann. Viele Begriffe werden nicht nur in einem Atemzug, sondern oftmals auch synonym verwendet, obwohl ihre eigentliche Bedeutung unterschiedlich ist. Als Beispiel seien hier nur die Begriffe „Islamismus“ und „Fundamentalismus“ genannt, die in der westlichen Welt immer mehr zu einem Bedeutungskomplex verschmelzen oder schon, je nach Qualität des verwendeten Mediums, verschmolzen sind. Um die Leser nun auf eine einheitliche Basis zu bringen und Zusammenhänge klarer darstellen zu können, werden im Folgenden einige Begriffe erläutert. Dies soll auch helfen die heutzutage gerade im Bereich des Islams oft uneinheitliche Terminologie und die vorherrschenden Verallgemeinerungen kritisch hinterfragen zu können.

Fundamentalismus [1]

Mit dem Begriff Fundamentalismus wird eine primär religiöse oder seltener auch eine politische Weltanschauung bezeichnet, deren Ziel die Rückbesinnung auf die Ursprünge der Religion oder Ideologie ist und die dabei den Anspruch auf die absolute Wahrheit erhebt, Toleranz und Pluralismus ablehnt und nicht selten auch die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Absichten akzeptiert. Er existiert in unterschiedlicher Radikalität in jedem Land, jeder Gesellschaftsform und jedem Kulturkreis der Erde.

Der Begriff „Fundamentalismus“ ist protestantischen Ursprungs und entstand in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA. Damals beschrieb er eine Bewegung von protestantischen Christen, die sich zusammengefunden hatten um gegen die moderne Theologie und die Verfallserscheinungen ihres Glaubens (Bibelkritik, Evolutionslehre, Emanzipation, Säkularisierung, Alkoholkonsum, Prostitution, u. ä.) anzutreten und für ihre biblischen Grundfeste (engl.: fundamentals) einzutreten.

Im heutigen Sprachgebrauch wird Fundamentalismus oft auch als eine allgemein ablehnende Haltung gegenüber der Moderne verstanden und beinhaltet dann sowohl gewaltfreie, konservative Gruppen als auch die gewaltbereiten Mitglieder einiger weniger Gruppierungen und die Terroristen, wodurch dieser Begriff zu einem unhandlichen und unklaren Gebilde verschwimmt.

Islamischer Fundamentalismus [2]

Später eingeführter Begriff für den Islamismus, der in mehrfacher Hinsicht unglücklich gewählt ist, da der Begriff erstens eine ursprünglich christliche Glaubensbewegung in den USA kennzeichnete, zweitens die Merkmale des christlichen Fundamentalismus nicht auf alle islamisch fundamentalistischen Gruppen zutreffen und drittens der Begriff im Islam ursprünglich mit einer anderen Bedeutung versehen war. Der Begriff „Fundamentalisten“ bezeichnete im Islam ursprünglich die wissenschaftlichen Gelehrten, die sich mit den Fundamenten des islamischen Rechts, der Scharia, befassen. Inzwischen bezeichnen sich die Islamisten allerdings auch selbst schon als islamische Fundamentalisten.

Der islamische Fundamentalismus erhielt seine heutige Ausprägung 1979 während der islamischen Revolution unter Ayatollah Khomeini im Iran und wird seit dem auf alle radikalen islamischen Gruppierungen angewendet.

Islamismus [3]

Der Begriff beschreibt treffender den islamischen Fundamentalismus. Es handelt sich hierbei um eine relativ neue politische Ideologie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand. Die Anhänger dieser in sich heterogenen politischen Ideologie, die Islamisten, stellen eine Minderheit unter den Muslimen dar und streben die Errichtung einer weltumfassenden islamischen Gesellschaft bzw. einer islamischen Ordnung auf der Grundlage von Koran und Sunna an. Diese soll als einzig legitime Staatsform die westlichen Normen und Werte durch islamische ersetzen. Die Islamisten wenden sich ebenso gegen Religionsfreiheit und Säkularisierung, wie gegen Demokratie, Sozialismus, Kommunismus, Liberalismus und die Vorherrschaft der westlichen Welt im Allgemeinen. Sie verurteilen die westliche Konsum- und Ideenwelt und den übersteigerten Individualismus wegen des fehlenden Zusammenhalts in sozialen Strukturen bzw. den Bedeutungsverlust von ebendiesen und die daraus resultierende Einsamkeit des Einzelnen in der westlichen „Ellenbogengesellschaft“. Ebenso kritisieren sie die atheistische Lebensweise, weil sie ihre Glaubensfundamente in Frage stellt. Um die eigenen Ziele zu legitimieren, werden häufig auch Theorien von Verschwörungen des Westens gegen den Islam bemüht. Dabei benutzen die Islamisten die Religion für politische Zwecke. Die Vorstellungen der Islamisten über die „richtige“ Auslegung der in Koran, Sunna und Scharia enthaltenen Verhaltensregeln unterscheiden sich zwischen den einzelnen islamistischen Gruppen zum Teil beträchtlich. Jedoch sichern alle Gruppen ihren Machtanspruch durch die Unantastbarkeit des Korans bzw. ihrer eigenen Auslegungen und Deutungen des Korans. Wer diese kritisch hinterfragt oder sich gegen ihre Koranauslegung wendet, wird, egal ob Muslim oder nicht, als Ungläubiger und damit als Feind angesehen. Der öfter angeführte Vergleich von Islamismus bzw. islamischem Fundamentalismus und totalitären westlichen Staatsformen ist jedoch als fragwürdig einzustufen, da die angestrebten Staats- und Regierungsformen doch völlig verschieden sind, lediglich die dabei angewandten Methoden sind vergleichbar oder sogar identisch.

Der Terrorismus ist die kämpferische Variante des Islamismus, jedoch nicht mit ihm gleichzusetzen.

Koran [4]

Die heilige Schrift des Islams. Er stellt für die Muslime die göttliche Wahrheit dar, welche dem Propheten Mohammed durch den Erzengel Gabriel offenbarte wurde. Im Gegensatz zur Bibel fehlt jede weitergehende Erklärung, Erläuterung oder historische Hintergrund-information. Der Koran ist in einer sehr kunstvollen arabischen Sprache geschrieben, umfasst 114 Suren (Verse) und dient auch gleichzeitig als Rechtsquelle.

Sunna [5]

Die Gesamtheit dessen, was der Religionsstifter Mohammed gesagt, getan oder erlebt hat. Sie wird durch die Hadithe (Gesamtheit seiner überlieferten Aussagen), seine überlieferten eigenen Taten und von ihm gebilligte Handlungen anderer Personen, die in seiner Gegenwart stattgefunden haben, gebildet.

Scharia [6]

Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet sie das islamische Recht. Dieses von Gott gegebene Gesetz umfasst vier unterschiedliche Quellen, den Koran und die Sunna, den Gelehrten-konsens (formuliert allgemeine theologische Lehrmeinungen) und die Analogieschlüsse (Ableitungen aus anderen Rechtsquellen). Sie legt für alle Bereiche des menschlichen Lebens moralische und juristische Regeln fest. Auch der Umgang mit Andersgläubigen ist in ihr festgeschrieben. Durch die Verbindung der Religion mit dem normativen Recht islamischer Gesellschaften wird die Politik mit der Religion nahtlos verbunden, auch wenn es kein „systematischer, von allen Muslimen akzeptierter Normenkodex [ist], der als allgemeinislamisch bezeichnet werden könnte.“ [7]

Panarabismus [8]

Unter diesem Begriff, auch panarabische Bewegung oder arabischer Nationalismus genannt, versteht man das Bestreben, die arabische Kulturnation in einem Nationalstaat zu vereinen. Die Einwohner der heutigen arabischen Staaten zwischen dem Altantik und dem Persischen Golf haben eine gemeinsame Sprache und Kultur, auf deren Grundlage ein gemeinsamer arabischer Nationalstaat anstelle der heutigen vielen arabischen Staaten geschaffen werden sollte. Der bekannteste Vertreter des Panarabismus war in den 1960er Jahren der ehemalige ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser (1918-1970).

[1] Vgl. dazu Bauer, Kirsten: Stichwort Fundamentalismus. München 1999. S. 7 ff; Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. Bd. 8. Mannheim 1993. S. 33; Fisch, Heinrich [Hrsg.]: Sozialkunde. Frankfurt am Main, 2004. S. 272 f; Gemein, Gisbert J.; Redmer, Hartmut: Islamischer Fundamentalismus. Münster 2005. S. 11; Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern [Hrsg.]: Islamistische Extremisten. Vom Gebet zum Gottesstaat. Schwerin 2001. S. 11; Karakaya, Ismail: Islam und islamischer Fundamentalismus in der Neuzeit. Marburg 2004. S. 20; Kienzler, Klaus: Der religiöse Fundamentalismus. Christentum, Judentum, Islam. München 1999. S. 15 ff; Köktas, Mehmet Emin: Islamischer Fundamentalismus. Eine kritische Analyse. In: Alkier, Stefan [Hrsg.]: Religiöser Fundamentalismus. Analysen und Kritiken. Tübingen 2005. S. 121 ff; Riesebrodt, Martin: Die fundamentalistische Erneuerung der Moderne. In: Kindelberger, Kilian [Hrsg.]: Fundamentalismus. Politisierte Religionen. Potsdam 2004. S. 12 f; Riesebrodt, Martin: Fundamentalismus als patriarchalische Protestbewegung. Amerikanische Protestanten (1910-28) und iranische Schiiten (1961-79) im Vergleich. Tübingen 1990. S. 1 f.
[2] Vgl. dazu Bauer, S. 38 ff; Fisch, S. 274 ff; Karakaya, S. 21; Kienzler, S. 15 ff; Köktas, S. 123 ff; Schimmelpfennig, Monika: Re-Islamisierung und Islamismus. Hintergründe und sozialpolitischen Ursachen am Beispiel Ägypten. Marburg 2005. S. 8 ff; http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=41FBU3 entnommen am 9.9.2006 gegen 10:00 Uhr; http://www.islaminstitut.de/Artikelanzeige.41+M545bf75d6f4.0.html entnommen am 11.9.2006 gegen 11:15 Uhr.
[3] Vgl. dazu Bauer, S. 15 ff; Fisch, S. 274 ff; Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern, S. 11; Karakaya, S. 20 ff; Kienzler, S. 15 ff, S. 88 f; Riesebrodt, patriarchalische Protestbewegung, S. 2, 11-24; Schimmelpfennig, S. 8 ff; Tibi, Bassam: Der islamische Fundamentalismus zwischen „halber Moderne“ und politischem Aktionismus. In: Bundeszentrale für politische Bildung [Hrsg.]: Aus Politik und Zeitgeschichte. Heft 33. Bonn 1993. S. 3; Tibi, Bassam: Die neue Weltunordnung. Westliche Dominanz und islamischer Fundamentalismus. München 2001. S. 154; http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=IZQS3I entnommen am 10.9.2006 gegen 10:00 Uhr; http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=QT7T1S entnommen am 10.9.2006 gegen 10:00 Uhr; http://www.bpb.de/publikationen/ZFTQZH,0,0,Politischer_Islam_im_20_Jahrhundert.html entnommen am 15.9.2006 gegen 13:00 Uhr; http://www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af_islamismus/ entnommen am 11.9.2006 gegen 10:30 Uhr; http://www.islaminstitut.de/Artikelanzeige.41+M516c21b8dd2.0.html entnommen am 11.9.2006 gegen 11:00 Uhr.
[4] Vgl. dazu Karakaya, S. 10; Kienzler, S. 79 ff; http://de.wikipedia.org/wiki/Koran entnommen am 10.9.2006 gegen 15:00 Uhr.
[5] Vgl. dazu Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. Bd. 21. Mannheim 1993. S. 478; Karakaya, S. 10; Kienzler, S. 82.
[6] Vgl. dazu Bauer, S. 17; Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. Bd. 19. Mannheim 1993. S. 288; Karakaya, S. 14; Kienzler, S. 82 ff; Richert Robert: Islamischer Fundamentalismus und politischer Islamismus. Schmalkalden 2001. S. 29 f; http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=CHBNTX entnommen am 10.9. 2006 gegen 10:00 Uhr.
[7] Tibi, Bassam: Im Schatten Allahs. München 1994. S. 188.
[8] Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. Bd. 16. Mannheim 1993. S. 474.

 

2. Ursachen für Fundamentalismus

Alle Fundamentalisten, unabhängig welche Art von Fundamentalismus betrieben wird (politischer, religiöser, gesellschaftlicher, kultureller), erheben Anspruch auf die einzig richtige Wahrheit und sind der Überzeugung, dass der Staat oder das gesellschaftliche System in dem sie leben, besser funktionieren würde, wenn ihr Fundament die Normen festlegen würde.

Religiöse Fundamentalisten, und dabei ist es unerheblich welcher Religion sie angehören, halten sich für die „wahren Gläubigen“, die ihre heilige Schrift oder Auszüge daraus meist wortwörtlich als Leitlinie für ihr eigenes gesellschaftliches und politisches Handeln nehmen und ein neues politisches oder gesellschaftliches System auf dieser Grundlage errichten wollen. [9] Sie alle sind grundsätzlich gegen Säkularisierung und zudem der Ansicht, dass es ein Fehler sei die göttlichen Gesetze als Grundlage der sozialen und politischen Ordnung durch weltliche Prinzipien zu ersetzen. Ebenso sind sie von der Überlegenheit ihrer Religion und der darin enthaltenen, einzig richtigen und zugleich perfekten Wahrheit überzeugt und haben grundsätzlich antipluralistische Ansichten, die in der Überzeugung eines Kampfes gegen die Feinde Gottes und den daraus resultierenden Vollstrecker- oder Verteidigungs-Gedanken gipfeln. Dieser Gedanke des Kampfes gegen die Feinde Gottes ist es auch mit dem die Extremisten unter den Fundamentalisten ihre Gewaltanwendung rechtfertigen. [10]

Die Ursache für Fundamentalismus im Allgemeinen ist also eine Kombination von einem vergleichsweise hohen Maß an Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden politischen System und der Auffassung die alleinige Lösung für alle Probleme jeglicher Art zu besitzen, wobei gleichzeitig die noch zur Verfügung stehende Zeit für die Umsetzung ihrer Ziele in der Wahrnehmung der religiösen Fundamentalisten eine relativ kurze ist.

[9] Bauer, S. 9 ff; Fisch, S. 272.
[10] Bauer, S. 9 ff.

 

3. Soziale Ursachen für islamischen Fundamentalismus

3.1 Historischer Ursprung des Fundamentalismus

Um die sozialen Ursachen des islamischen Fundamentalismus benennen zu können, muss man wissen, wann und wie der islamische Fundamentalismus entstanden ist. Aus der Aufdeckung dieser zeitlichen Zusammenhänge können dann meist schon erste kausale Zusammenhänge abgeleitet werden. Denn soziale Umwälzungsprozesse ergeben erst im Zusammenspiel mit der Tradition und deren alltäglicher Praxis den Fundamentalismus.

Der islamische Fundamentalismus in der heutigen ideologischen Ausprägung ist eine relativ moderne Ideologie, dessen politische Anfänge auf das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert zurückgeführt werden können. Allerdings reichen die Wurzeln des islamischen Fundamentalismus sogar bis in das Mittelalter zurück. Auf jeden Fall aber bildeten sich im Zuge der Kolonialisierung der arabischen Länder und des nördlichen Afrikas relativ erfolgsarme fundamentalistische Ströme gegen die Fremdherrschaft und die Zerstörung der traditionellen Gesellschaft und des Wirtschaftssystems. [11]

Der religiöse Fundamentalismus in islamischen Ländern ist also eine Reaktion auf die Überlegenheit des säkularen Westens, die fast alle islamische Länder durch die Kolonialisierung erlebt haben und die zu einer Art Existenzangst der islamischen Welt führte. Die islamischen Eliten erkannten die Reformbedürftigkeit ihrer Gesellschaft, da „der Westen ein Niveau an Technologie und Wissenschaft erreicht hatte, das man in keinerlei Weise in der moslemischen Welt vorfand.“ [12] Die Reformvorstellungen wiesen jedoch in zwei entgegengesetzte Richtungen. Während die einen das westliche Modell übernehmen wollten, forderten die anderen eine Abschottung vom Westen zur Bewahrung der eigenen Kultur. Eine mittlere Position vertrat der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Intellektuellen entwickelte und getragene islamische Modernismus, aus dem sich ab der Mitte des 20. Jahrhunderts dann der islamische Fundamentalismus entwickelte. [13]

Die intellektuellen Entwickler des Modernismus, allen voran der schiitische Iraner Dschamal ad-Din Afghani (1839-1897) und der sunnitische Ägypter Muhammad Abduh (1849-1905), strebten eine Renaissance der „Blütezeit der islamischen Zivilisation im Hochmittelalter“ [14] an und waren dem Westen gegenüber zwar grundsätzlich positiv eingestellt, aber in einigen Punkten kritisierten sie ihn genauso vehement wie sie die islamische Orthodoxie und das blinde Nachahmen des Westens angriffen. Gerade die „traditionalistischen Vertreter des Islams, die Orthodoxie der Geistlichkeit und die Volksfrömmigkeit der Sulfi-Orden, die für die Stagnation und Unterlegenheit der islamischen Länder verantwortlich seien“ [15], wurden scharf kritisiert und für die „Zersplitterung der islamischen Welt in Konfessionen“ [16] verantwortlich gemacht. Aber auch das blinde Nachahmen des Westens seitens der Regierungen nach der Entkolonisierung in den Bereichen Wirtschaft, Militär, Regierungs- und Bildungswesen anstelle einer Besinnung auf das eigene kulturelle Erbe und die eigenen Fähigkeiten wurden von den Modernisten kritisiert. [17]

Der in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene islamische Fundamentalismus bedient sich bei seiner Ideologie nun sowohl beim Modernismus als auch im traditionalistischen Bereich und formt die übernommenen Ideologieteile entsprechend den eigenen Zielen um. Auf diese Weise entwickelte sich der islamische Fundamentalismus unter seinen bedeutendsten intellektuellen Führern Abu l-Ala al-Maududi (1903-1979, Indien), Hasan al-Banna (1906-1949, Ägypten), Sayyid Qutb (1906-1966, Ägypten) und Ayatollah Ruhollah Khomeini (1900-1988, Iran) sowohl zu einer Front gegen den Westen als auch gegen den Zerfall der inneren, traditionellen Strukturen und Kultur, allerdings gilt als anzustrebendes Ideal nun nicht mehr die Blütezeit im Hochmittelalter, sondern die muslimische Urgemeinde zu Zeiten des Propheten Mohammed. [18]

Die Gründung der Muslimbruderschaft durch Hasan al-Banna 1928 ist die erste Reaktion des islamischen Fundamentalismus auf die spezifischen Strukturprobleme einer Gesellschaft, „die Prozessen der Urbanisierung, politischen Zentralisierung und kulturellen Säkularisierung ausgesetzt“ [19] ist und gilt als die erste moderne Massenbewegung dieser ideologisch motivierten Art. Sie entstand auf dem Höhepunkt der Sinnkrise der muslimischen Welt, da die Kolonisierung immer weiter voranschritt und Atatürk 1924 das Kalifat, das Symbol für einen Staat mit islamischer Ordnung, abgeschafft hatte. Das Ziel der Bruderschaft war und blieb bis heute die Errichtung eines islamischen Staates und auch wenn die Bruderschaft 1954 in Ägypten verboten wurde, so existiert sie, teils im Untergrund, teils offen im Exil noch heute. Teile der Anhängerschaft wurden durch die Verfolgungen radikalisiert, haben sich später abgespalten und betrachten seitdem die Regierungen in ihren eigenen Ländern als heidnisch und vom Westen gesteuert, wohingegen andere Teile sich verstärkt politisch engagieren und Gewalt als Mittel der Politik grundsätzlich ablehnen. Aber alle Teile und Splittergruppen der Muslimbruderschaft und vieler anderer islamisch fundamentalistischer Gruppierungen fühlen sich in ihren Absichten und Zielen durch eine von Sayyid Qutb verfasste Gesellschaftskritik bestätigt. Sayyid Qutb, selbst Mitglied der Muslimbruderschaft, gilt seit dem als einer der wichtigsten islamistischen Theoretiker, er fordert in seinen bis heute einflussreichen Schriften zuerst die Absetzung korrupter, antiislamisch regierender muslimischer Herrscher, und die strikte Umsetzung der Scharia als notwendige Grundlage für einen gerechten Gottesstaat und danach die Befreiung von westlicher Hegemonie. Durch seine Hinrichtung 1966 in Ägypten erhielt er zusätzlich den Ruf eines Märtyrers, weshalb die radikalisierten Gruppen des islamischen Fundamentalismus ihn weiterhin als Leitfigur ansehen. [20]

Mit Ausnahme der Türkei, des Irans, Saudi-Arabiens und Afghanistans waren alle islamischen Länder unter kolonialer Fremdherrschaft. Aber auch diese Länder konnten sich dem kolonialen und postkolonialen Einfluss des Westens auf wirtschaftlicher und militärischer Ebene nicht entziehen. [21]

In der direkten nachkolonialen Zeit, also in den 50er und 60er Jahren dominierte noch nicht der islamische Fundamentalismus, sondern der Panarabismus, der in zwei Lager eingeteilt werden kann. Die konservative Seite der Monarchien in Jordanien und Saudi-Arabien und die progressive Seite der syrischen und irakischen Baath-Parteien, zu der so bekannte Namen wie der syrische Präsident al-Assad (1930-2000), der irakische Präsident Saddam Hussein (1937-) oder der ägyptische Staatspräsident Nasser gehören, die ein panarabisches, nationalistisches und sozialistisches Gedankengut vertraten. Das Einzige was diese beiden Lager verband, war ihre Feindschaft mit Israel, eine Koalition, die durch die schwere Niederlage im Sechs-Tage-Krieg 1967 gegen Israel zerrissen wurde. [22] Die Schmach aus der Niederlage und den territorialen Verlusten (Golan-Höhen, Gaza-Streifen, Westjordanland und die Altstadt von Jerusalem mit der drittwichtigsten muslimischen Stätte) wurde zu einer der großen Triebfedern für das arabische Minderwertigkeitsgefühl und damit letztendlich auch für den islamischen Fundamentalismus.

Nach dem zweiten arabisch-israelischem Krieg, den Jom-Kippur-Krieg von 1973, vergrößerte sich der Unwillen der Bevölkerung gegen die nationalistischen Regierungen und der islamische Fundamentalismus „erreichte seinen Höhepunkt mit der Revolution im Iran.“ [23] Der in den Augen der Ägypter „schmachvolle“ Friedensschluss 1977 zwischen Ägypten und Israel verschlimmerte die ohnehin labile Lage in Ägypten, so dass die islamischen Fundamentalisten starken Zulauf aus den gemäßigten Bürgertum und der Studentenschaft erhielten. Die Hinrichtung von radikalen islamischen Fundamentalisten, die für die Ermordung der ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat (1918-1981) verantwortlich waren, radikalisierte die islamischen Fundamentalisten zusätzlich. [24]

„Der Erfolg der islamischen Revolution im Iran kam für den Westen völlig unerwartet.“ [25] Ayatollah Ruhollah Musavi Khomeini (1902-1989) kritisierte publikumswirksam die schlechten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Iran und galt als der schärfste Regimekritiker der proamerikanischen Monarchie unter dem Schah von Persien, Mohammed Reza Pahlevi (1919-1980) und wurde deswegen verbannt. 1979 kehrte er aus dem Exil im Irak und in Frankreich zurück in den Iran, rief die Islamische Republik Iran unter der Führung der Rechtsgelehrten und sich selbst an der Spitze aus, politisierte und ideologisierte den Schiismus, die islamische Glaubensrichtung der er angehört, und wandte sich gegen den, von gestürzten Schah geförderten, westlich-amerikanischen Einfluss und vermengte dafür den Islam sowohl mit marxistischen als auch mit sozialistischen Gedanken. Seit diesem Zeitpunkt fördert der Iran antinationalistische Bestrebungen in seinen Nachbarländern und nahm dabei auch mehrjährige Kriege gegen vermeintlich säkulare Länder, wie den Irak mit seiner Baath-Partei unter Saddam Hussein in den 1980er Jahren, in Kauf. Nach dem Tode Khomeinis (3.6.1989) versuchte der zweite Nachfolger im Staatspräsidentenamt Präsident Khatami (1943-) ab 1997 eine stufenweise Liberalisierung gegen die konservativen Kleriker durchzusetzen. [26]

Auch in Palästina bekam die arabisch nationalistische PLO (Palestine Liberation Organization) bei ihrem Befreiungskrieg für einen unabhängigen arabischen Staat Palästina islamistische Konkurrenz durch die schiitische Hisbollah (finanziert vom Iran) und die Hamas (finanziert von Saudi-Arabien). [27]

Nach den militärischen Niederlagen des Irak in den Golfkriegen 1991 und 2003 spaltete sich die arabische Welt endgültig in zwei Lager. Saudi-Arabien, Kuwait und Ägypten stellen sich auf die westliche, amerikanische Seite und wurden von den restlichen islamischen Staaten als Vasallen und Mittäter beschimpft, obwohl gerade Saudi-Arabien viele fundamentalistische Gruppen finanziell unterstützt, selbst wenn die Absichten dieser Gruppen den saudi-arabischen Interessen zuwiderläuft. Syrien, Jordanien, Sudan und der PLO-Chef Jassir Arafat (1929-2004) forderten die Gründung einer arabisch-islamischen Bewegung als Gegengewicht zur amerikatreuen saudischen Monarchie, die auch von ägyptischen Eliten (u. a. vom Leiter der Uni in Kairo Azhar-Uni AlGhazali) unterstützt wurde. Dieser Riss gilt als „einer der Hauptgründe für das Scheitern des Islamismus in den 90er Jahren.“ [28]

Auf dem Balkan brach 1992 mit den Unabhängigkeiterklärungen von Slowenien, Kroatien, und Bosnien-Herzegowina ein offener Bürgerkrieg aus, in dessen Zusammenhang besonders 1992 hunderttausende Muslime bei ethnischen Säuberungen entweder vertrieben oder ermordet wurden. Die islamische Welt registrierte die abwartende, aus ihrer Sicht gleichgültige, Haltung des Westens als Beweis dafür, dass für den Westen „das Blut der Muslime nicht den gleichen Wert hatte wie ihr Öl“. [29] Und die islamischen Fundamentalisten erkannten hierin ebenso einen neuen Kreuzzug des Westens gegen den Islam wie schon wenige Jahre zuvor im Golfkrieg von 1991. Auch der bisher letzte Golfkrieg 2003 wird von der islamischen Gemeinschaft als Kreuzzug gewertet. [30]

Auf weitere Entwicklungen im Zusammenhang mit islamischem Fundamentalismus in der Balkanregion oder in Asien wird im Rahmen dieser Hausarbeit nicht weiter eingegangen, obwohl gerade die Situation des Islams in Jugoslawien unter dem Ministerpräsidenten Josip Broz Tito (1982-1980) oder die Versuche von Alija Izetbegovic den Islam während des Kommunismus zu verbreiten noch einige interessante Aspekte enthalten, die sich aber zu weit vom Thema dieser Hausarbeit entfernen würden.

 

3.2 Ursachen in der Geschichte des Islams

Es gibt nicht nur allgemeine historische Ursachen für die Entstehung des islamischen Fundamentalismus, sondern auch speziellere, die erst im Zusammenhang mit dem Islam als Religion und Kultur eine Ursachenfunktion annehmen.

Im Vergleich zu Europa, das mit Beginn der Neuzeit und der damit einhergehenden Renaissance, Aufklärung und Reformation mit großen Schritten dem Mittelalter entstieg, ist die islamische Welt zum Teil dort verblieben, was daran liegt, dass die islamischen Gelehrten etwa zur gleichen Zeit (10. Jahrhundert muslimischer Zeit) „das Tor des idschtihad (der selbständigen Wahrheitsfindung) für geschlossen [erklärten]. Das bedeutete, daß alle möglichen Fragen als beantwortet galten und nur noch das Lernen durch Nachahmung gestattet war. […] Während Europa im Zeitalter der Aufklärung zu seinen wissenschaftlichen und Entdeckungen aufbrach […], widersetzten sich die ulama [muslimische Gelehrten und Juristen – Anm. d. Autors] neuen Ideen und technischen Errungenschaften. Von Ideen wie Nationalismus und wirtschaftlichem Wettbewerb überfordert, tabuisierten sie das westliche Gedankengut als „unislamisch“ oder haram (verboten).“ [31] Dabei ist das, früher auch im Islam verbreitete, griechische Verständnis von Rationalismus und Demokratie und damit letztendlich vom Nationalstaat „durch die Weitergabe des griechischen Erbes an Westeuropa am Vorabend der Renaissance“ [32] in der islamischen Welt verloren gegangen. Denn die Demokratie tritt zuerst in der Form des Nationalstaates wieder auf.

„Aber überlegenes Wissen ist auf Dauer nicht zu unterdrücken.“ [33] War in vorangegangener Zeit mit dem Islam auch islamisches Wissen, wie die Mathematik, Kunst oder das Verwaltungswesen nach Europa exportiert worden, so expandierte nunmehr der inzwischen technisch immer besser ausgestattete Westen Richtung Osten, wo die muslimische Welt, wegen dem vorausgegangenen „Niedergang der islamischen Wissenschaft, öffentlichen Verwaltung und Wirtschaft“ [34], der „Überlegenheit des Westens in den drei Bereichen: Technik, öffentliche Verwaltung und wirtschaftlicher Wettbewerb […] nichts entgegenzusetzen […] hatte. Die Ursache für diesen Niedergang der islamischen Länder liegt, im Stillstand der islamischen Zivilisation und der damit verbundenen Verschiebung der Wissensanhäufung nach Westen. Vor der Aufklärung lag der Nahe Osten im Zentrum des Welthandels, der Wissenschaft und Forschung. Europa, Asien und Afrika waren die „unterentwickelten“ Randgebiete, aber nach der Aufklärung lag dieses Zentrum in Europa und der Nahe Osten, Asien und Afrika nahmen die Position der unterentwickelten Randgebiete, zu denen anfangs auch noch die Neue Welt gehörte, ein. [35] Verantwortlich hierfür ist die islamische Obrigkeit. Sie hat sich vom rationalen Wissen abgewandt und die Theologie in den Vordergrund gestellt, „mit dem Ergebnis, daß sich die öffentliche Verwaltung im Islam, aber auch die Qualität von Erziehung und Bildung zu verschlechtern begann. Die Blütezeit von Wissenschaft und Mathematik ging zuende, die Entdeckungsfahrten wurden zur europäischen Domäne und auch der Handel ging aus muslimischer Hand in die Kontrolle des Abendlandes über.“ [36] Durch den wirtschaftlichen Niedergang des Islams entstanden im Nahen Osten Gelegenheiten, die der an Überlegenheit gewinnende Westen ausnutze. [37] „Die Einverleibung der islamischen Welt in das kapitalistische System und ihre Peripherisierung im Zeitalter des Imperialismus ist in erster Linie dem Versagen der muslimischen Herrschaftseliten anzulasten.“ [38] Die verschiedenen Autoren diagnostizieren für das Osmanische Reich eine „fiskalische Misswirtschaft“ [39], die sich bis in das in die Mitte des 19. Jahrhunderts zog, bis „die osmanischen Kriegsausgaben und Gebietsverluste die Finanzkraft so weit reduziert [hatten], daß der Staatsbankrott von 1876 und die sich anschließende europäische Kontrolle über die osmanischen Staatsfinanzen unausweichlich wurden.“ [40] (Auch Frankreich musste 1789 den Staatsbankrott erklären, was dann zur Französischen Revolution und zum Nationalstaat führte, etwas das im Osmanischen Reich ausblieb.)

Wie kam es zu dem Bedeutungsverlust des Islams für Westeuropa? Während des Mittelalters wurde auf der iberischen Halbinsel ein Heiliger Krieg zwischen Muslimen und Christen ausgefochten. Die Muslime eroberten das heutige Spanien und Portugal und wurden erst 732 im Frankenreich von Karl Martell bei Tours und Poitiers gestoppt, es folgten noch weitere Schlachten zwischen Christen und Muslimen bis mit Beginn des 11. Jahrhunderts die „Reconquista“ einsetzte, die 1260 offiziell und 1492 mit der Eroberung des letzten arabischen Gebietes auf europäischem Boden (Granada) endgültig endete. Die Vertreibung der Muslime ist natürlich nicht die einzige Ursache für den Bedeutungsverlust des Islams für Europa, also der damals bekannten westlichen Welt. Neben der Reconquista und den Kreuzzügen die den Niedergang des Islams beschleunigt hatten, gab es auch innermuslimische Probleme, wie beispielsweise „die Schwächung der Macht der Kalifen und ihrer Autorität im Zentrum der Herrschaft, der Sieg der islamischen Orthodoxie über die islamische Aufklärung [… sowie eine] ethisch-religiöse Zerrissenheit, die in Kämpfen um die Macht zwischen Arabern, Persern und Türken sowohl im Staat als auch in der Armee zum Ausdruck kam“ [41] und den Islam und die Muslime innen- und außenpolitisch schwächten und den Niedergang des Islams auslösten.

Während des Imperialismus, führten die Kolonialherren dann neue politische und administrative Systeme in ihren Kolonien ein und säkularisierten so ihre Herrschaftsgebiete auf diese Weise von oben. Die Säkularisierung war aber etwas, das den Muslimen fremd war und ihrem Glauben und ihrer Tradition widersprach. Für die Muslime waren Staat und Religion immer miteinander verbunden gewesen und es war und ist zum Teil noch heute undenkbar, dass der Islam, welcher Regeln für nahezu jedes menschliche Handeln festlegt, nur noch in einem Teilbereich der Gesellschaft und des individuellen Lebens Gültigkeit besitzen soll. In der muslimischen Welt hat die Scharia (das kanonische Recht des Islams) Vorrang vor der Theologie, obwohl sie gleichsam zur Religion gehört. Da auf der Scharia auch die Rechtsprechung in islamischen Ländern beruht, dieses sogar in den Verfassungen vieler islamischer Länder fixiert ist, sehen sich die Theologen als Rechtsgelehrte, die Gottes Gesetz deuten und für die einfachen Gläubigen auslegen.

Die Kolonialzeit ging erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende, als fast alle Kolonien wieder in die Selbständigkeit entlassen wurden, allerdings blieben die von den Kolonialherren ohne Beachtung der ethnischen Zusammenhänge willkürlich am Reißbrett gezogenen Grenzen bestehen, etwas das bis heute, vor allem in Afrika und dem Nahen Osten, immer wieder zu Kriegen führt. [42]

Bis zum Abzug der Kolonialmächte war aus den aufgezwungenen Nationalstaaten kein in sich stimmiges Gebilde geworden, da eine kulturelle Identität und eine innere Verbundenheit mit dem Nationalstaat fehlte. Es gab kaum eine Identifikation der Einwohner mit ihrem Staat und so blieben die islamischen Nationalstaaten nur dem Namen nach Nationalstaaten, die von den islamischen Fundamentalisten als von den Kreuzfahrern aufgezwungenes Element verdammt werden. [43]

Während im christlichen Abendland die Aufklärung und die Emanzipation stattfand, wurde ein solcher Prozess in der muslimischen Welt durch die theologischen Rechtsgelehrten unterbunden. Die von den Rechtsgelehrten formulierten Normen und Werte sind zwar sehr vielfältig und können in der Praxis zu ein und demselben Thema auch sehr stark variieren, trotzdem wird ihre Gültigkeit, mit Ausnahme der Reformen von Atatürk in der Türkei zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nicht angezweifelt. Ebenso lassen sich die im Abendland entwickelten und allgemein anerkannten Menschenrechte, die Gewaltenteilung sowie die darauf beruhende Rechtstaatlichkeit beispielsweise nicht mit der Scharia und ihrer Institution des religiösen Richters in Einklang bringen. [44]

„Eine islamische Demokratie nach westlichem Verständnis hat es bisher zu keiner Zeit gegeben.“ [45] Auch hier liegt die Ursache wieder in dem durch die Kolonialherren aufgezwungenen System und die Ablehnung jeglicher nationalstaatlicher Neuerung durch die islamische Geistlichkeit, weil die Existenz eines politischen Souveräns der islamischen Auffassung von Allah als alleinigem Souverän widerspricht. [46]

Der moderne Islam schwankt also zwischen der eigenen Tradition und dem abendländischen Weltbild, wobei eine Annäherung an dieses auch immer von Rufen islamischer Fundamentalisten zur Rückkehr zum islamischen System begleitet wird. Das islamische System wurde von dem Fundamentalisten Abu l-A’la Maududi (1903-1979) auf der Grundlage der Scharia entwickelt, später von Hasan al-Banna (1906-1949) und Sayyid Qutb (1906-1966) weiterentwickelt und durch ihre „Muslimbruderschaft“ weiter verbreitet. Heute berufen sich alle islamischen Fundamentalisten auf dieses ausgearbeitete System, da dieses System nach ihrer Darstellung „bei konsequenter Anwendung automatisch die bestmöglichen politischen und sozialen Zustände […] insbesondere völlige soziale Gerechtigkeit und Prosperität für jedermann“ [47] herbeiführe. Bei diesen genannten Zielen, die in sehr ähnlicher Form erstmals 1776 in der Virgina Bill of Rights und keinen Monat später in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und 1789 sogar in der amerikanischen Verfassung schriftlich fixiert wurden und deren Anziehungskraft bis heute anhält, ist es kein Wunder, dass sich Menschen, die für sich oder ihre Familie keine oder nur wenige Perspektiven sehen, charismatischen Führern und ihren Versprechungen gerne anschließen.

 

3.3 Ideologie des islamischen Fundamentalismus

Die Ideologie des islamischen Fundamentalismus genau einzuordnen ist schwierig, jedoch kann man sie in drei Kategorien einteilen: erstens die Kritik an der Modernisierung der Gesellschaft nach westlichem Vorbild, zweitens die Vorstellung einer idealen Ordnung nach dem Vorbild der islamischen Urgemeinde Mohammeds mit einer durch Koran, Sunna und Scharia organisierten Gesellschaft ohne Klassenunterschiede und drittens eine heilsgeschichtliche Dramatisierung des Konflikts zwischen dem Islam und dem Westen. [48]

In der Gesellschaftskritik beschreiben islamische Fundamentalisten diejenigen Kräfte und Mächte, die ihrer Meinung nach nicht nur die Grundlage, sondern auch die Verursacher der aktuellen Situation sind. [49] Die gesellschaftlichen Probleme lassen sich auf vier Hauptthemen eingrenzen: erstens der moralische Verfall des islamischen Volkes (speziell die Rolle der Frau und das Freizeit- und Konsumverhalten), zweitens die Säkularisierung (z. T. von außen durch Differenzierung der Religion einerseits und Politik, Recht und Ökonomie andererseits), drittens Verlust der nationalen Unabhängigkeit verbunden mit dem Einfluss der schädlichen westlichen Mächte und viertens soziale und ökonomische Ungerechtigkeit, hierbei vor allem der Kontrast zwischen der armen Masse und dem Prunk einiger weniger Erdöllieferanten. [50]

Die Fundamentalisten machen große Versprechungen für die nicht allzu ferne Zukunft, in der alles besser sei, aber wie das neue, islamische System, die aktuellen Probleme beseitigen soll, darüber schweigen sich alle aus. [51] Die zeitliche Komponente ist hierbei ein wichtiger Faktor, denn mit ihm rechtfertigen die militanten Extremisten unter den Fundamentalisten ihre Gewaltanwendungen, da sie sich ja im Kampf um das Reich Gottes auf Erden befinden. Es geht um die Schlacht Gut gegen Böse, Anhänger Gottes oder Satans, Muslim oder Heide. [52] „Die heilsgeschichtliche Dramatisierung ist [daher ein] integraler Bestandteil der fundamentalistischen Ideologie.“ [53]

Islamischer „Fundamentalismus thematisiert nicht primär Eigentums- oder Verteilungsinteressen einer Klasse, sondern auf religiösen Heilsinteressen basierende Ideale einer Lebensführung“ [54] Daher werden nicht die aktuellen Gesellschaftsprobleme erörtert oder an Lösungen gearbeitet, sondern mit großer Leidenschaft Versprechungen gemacht, die idealen Zielvorstellungen ausgemalt und höchstens die taktische Frage diskutiert, „ob zuerst die wahrhaft islamische Gesellschaft und dann der islamische Staat angestrebt werden soll oder umgekehrt.“ [55] Aus diesem Grund stellt der islamische „Fundamentalismus [auch] keine Klassenbewegung im sozioökonomischen Sinne dar“ [56], sondern ist, durch den Universalitätsanspruch des Islams, klassenübergreifend und integrierend. In ihm vereinigen sich Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft in neuen Gemeinschaften auf der Grundlage kultureller Ziele. „Fundamentalistische Bewegungen verstehen sich selbst nicht als Klassenbewegungen, sondern als religiös-kulturelle Bewegungen, […], sie repräsentieren nicht Klassenkulturen, sondern Kulturmilieus.“ [57] Mit Kulturmilieus sind Gruppen oder Schichten gemeint, die sich nicht aufgrund von ökonomischen Interessen zusammengefunden haben, sondern sozialmoralische Ziele verfolgen.

Der islamische Fundamentalismus lehnt die arabischen Nationalstaaten als künstliches Gebilde des Westens ebenso ab wie den als atheistisch empfundenen Sozialismus. Ziel ist es die jeweiligen Regierungen abzusetzen und einen Gottesstaat auf der Grundlage der Scharia zu errichten, weil „der Islam zur Zeit des Propheten Mohammed und seiner Nachfolger eine Art Gottesstaat war“ [58] und man der Meinung ist, dass die Muslime nur in ihm gemäß ihrer (göttlichen) Bestimmung leben könnten. In diesem Gottesstaat herrsche die islamische Ordnung, eine Ordnung die unter anderem von al-Maududi und Sayyid Qutb ausformuliert wurde und die „eine religiös integrierte Gemeinschaft ohne Klassengegensätze [ist], die auf dem Modell der Urgemeinde Mohammads aufbaut.“ [59] Interessant ist hierbei, dass sich die islamischen Fundamentalisten „alle technisch-wissenschaftlichen Errungenschaften des Westens der Moderne, nicht jedoch deren rationales menschenzentriertes Weltbild aneignen […]“ [60]. Sie trennen also selektiv technologische und wissenschaftliche Moderne von ihrer säkularen Gesellschaft und betrachten besonders die modernen Techniken der Massenkommunikation als kulturell neutrale Produkte. [61]

Der islamische Fundamentalismus stellt damit ein Gegenmodell zur modernen, bürokratisch organisierten Industrie- oder Ellenbogengesellschaft dar, die auf gesetzlich regulierten und pluralistisch organisierten individuellen Interessen beruht. Die islamischen Fundamentalisten propagieren die soziale Harmonie einer religiös integrierten, patriarchalisch organisierten, brüderlichen Gesellschaft und sind der Überzeugung, dass die absolute Souveränität in der Gesellschaft allein Gott zukomme und die Menschen sich lediglich an die heiligen Gesetze zu halten hätten. Die Erfahrungen des Kolonialismus und die seit dem vorherrschenden Einflüsse von westlichen Werten und Ordnungsvorstellungen in Verbindung mit dem Scheitern der staatlichen Sozialpolitik in den islamischen Ländern hätten gezeigt, dass kein nichtislamisches System in der Lage sei die Probleme der Muslime zu beseitigen, also müsse man weg von den Bemühungen einer Neuinterpretation des Koran und durch strenge Befolgung der Scharia zurück zur ursprünglichen Auslegung des Korans zur Zeit der islamischen Urgemeinde des Propheten Mohammed. [62]

 

3.4 Trägerschaft des islamischen Fundamentalismus

Unter der Trägerschaft einer Ideologie versteht man diejenigen Menschen, die durch ihr aktives Mitgestalten, Mitmachen oder Akzeptieren für das Fortbestehen, die Verbreitung der ideologischen Ansichten und das Erreichen der Ziele verantwortlich sind.

Während die Trägerschaft des islamischen Fundamentalismus recht unterschiedlich beschrieben wird, „stimmen [jedoch] alle überein, dass es sich um eine primär städtische Bewegung handele, in der weder Großgrundbesitzer noch Bauern eine Rolle spielen.“ [63]

Ursprünglich waren für den islamischen Fundamentalismus nicht das Kleinbürgertum, sondern die untere Mittelschicht, die Händler und Handwerker charakteristisch. Dies lässt erkennen, dass der islamische Fundamentalismus in erster Linie ein städtisches Phänomen ist, in das „primär „entwurzelte“ Elemente aus traditionalistischem, überwiegend ländlichem Milieu“ [64] hineinsozialisiert werden. Inzwischen rekrutieren sich die aktiven Anhänger jedoch aus der städtischen Mittelschicht und das obwohl städtisches Kleinbürgertum beispielsweise in Ägypten seit Nasser von der Politik bevorzugt behandelt wurde. Aber die Industrialisierung schritt zu langsam voran, so dass sich auch gute politische Ansätze beispielsweise durch gegebene Beschäftigungsgarantien für Hochschulabsolventen negativ auswirkten, die Löhne drückten und so eine „Vielzahl von Akademikern […] von versteckter Arbeitslosigkeit betroffen sind […]. Dies macht sie empfänglich für die Parolen der Islamisten, die dadurch über hochausgebildete Anhänger verfügen […]“ [65]

Während also die Eliten der islamistischen Gruppierungen überwiegend aus Handwerkern, Händlern, Angestellten und Studenten oder ehemaligen Studenten, meistens der Ingenieur- oder Naturwissenschaften, bestehen, besteht die breite Masse der Anhängerschaft aus den Verlierern aller Schichten der modernen Gesellschaft, also von Slumbewohnern über Arbeiter und Studenten, die keinen Arbeitsplatz finden, bis hin zu Neubekehrten jeden Alters und Geschlechts, oft aus säkularen Familien, die Probleme unter anderem mit der neuen, verwestlichten Frauenrolle oder der Sexualmoral haben. Die traditionellen patriarchalischen Hierarchien schwinden durch den westlichen Einfluss, etwas das besonders bei der traditionell frommen Mittelschicht mit Unwillen registriert wird. Bei den radikalisierten Studenten „handelt es sich offenbar um besonders begabte, motivierte und aufstiegsorientierte junge Leute, deren Hoffnungen und Erwartungen in mehrfacher Hinsicht enttäuscht werden.“ [66] Der Fundamentalismus dient also zur Verarbeitung ihrer Frustrationen und durch diese Hilfe gelingt es den Islamisten große Teile der Bevölkerung auf den islamistischen Kurs einzuschwören. Der islamische Fundamentalismus bietet allen Anhängern eine neue Orientierung, Identität und Hoffnung und gibt ihnen damit ihr Selbstwertgefühl in den vom Westen utilitaristisch geprägten Städten zurück. Die fundamentalistische Anhängerschaft ist also kein sozialheterogenes Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer präzise durchdachten, programmatischen Anwendung der Ideologie, die klassenübergreifenden sozialen Zusammenhalt stiftet. Die Zentren der islamisch fundamentalistischen Aktivitäten sind dementsprechend die urbanen Ballungsräume meist mit Massenuniversitäten. Aber es schließt sich nur ein verhältnismäßig kleiner Teil den islamischen Fundamentalisten an und nur wenige Fundamentalisten sind auch Terroristen, aber „in ihrer Mehrzahl [zählen sie] nicht zu den demokratischen Kräften, und der [islamische] Fundamentalismus stellt eindeutig die neueste Variante des Totalitarismus dar.“ [67]

 

3.5 Soziale Ursachen jüngerer Zeit

Als eine soziale Ursache kann das Verhalten des Westens zur Zeit des Kalten Krieges ausgewiesen werden. Der Kampf gegen den Ostblock war von Opportunismus geprägt und es wurde jedes islamisch fundamentalistische Regime offen und aktiv logistisch und finanziell unterstützt, dass das kommunistische System unterminierte. Aber sobald die unterstützen fundamentalistischen Bewegungen den eigenen Zielen oder Verbündeten gefährlich wurden, wurden sie als Bedrohung für die Demokratie und die Freiheit dargestellt. Jetzt wo der Kalte Krieg vorbei ist, und es Diskussionen darüber gibt, ob militärische Einrichtungen, die zur Bekämpfung des Ostblocks ins Leben gerufen wurden, wie beispielsweise die NATO, ihre Existenzberechtigung verloren hätten, werden immer öfter Stimmen laut, die die Meinung vertreten, dass der Westen ohne Feindbilder nicht auskäme und sich deshalb die Bipolarität verschoben habe. Die Welt sei nun nicht mehr in zwei politische Blöcke, sondern in zwei religiöse Blöcke eingeteilt, wobei der Islamismus die frühere Rolle des Kommunismus eingenommen habe. [68]

Eine weitere Ursache ist das bereits angesprochene Minderwertigkeitsgefühl seit dem Sechs-Tage-Krieg. Dieser Krieg und die als Schande empfundene Niederlage hat auch innenpolitische Folgen, die als soziale Ursachen eingestuft werden können bzw. aus denen sich soziale Ursachen für den islamischen Fundamentalismus entwickelt haben. Nach dem Krieg war die Bevölkerung in den besiegten Ländern durch die empfundene Schande der Niederlage gegen Israel demoralisiert, ihre Wirtschaft war zusammengebrochen und die Arbeitslosenzahlen stiegen, gleichzeitig setzte eine Landflucht ein, die die Slums der großen Städte weiter anwachsen ließen. Dies hat zur Folge, dass die Löhne, aufgrund des Arbeitskräfteüberangebotes, weiter sinken. Die schon bestehende Kluft zwischen den nationalistischen Regierungen und der Bevölkerung vertiefte sich durch fehlendes Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Armut, Mangelwirtschaft und korrupte Regierungsbeamte weiter. Zusätzlich verstärkt wird dieser Prozess durch die bestehende Verwestlichung der Städte und der führenden Schichten sowie dem Festhalten der enttäuschten Massen an der Tradition. [69] Einen Aufwärtstrend gab es erst nach dem Jom-Kippur-Krieg sechs Jahre später, erst durch diesen psychologischen Sieg war es möglich die Wirtschaft in der Region des Nahen Ostens zu reformieren und wieder anzukurbeln.

Als weitere Ursache ist eine gewisse Reformresistenz zu nennen, da die jetzigen Eliten der arabischen Länder, also Politiker, Beamtenapparat, Militärs und Gewerkschaften, die Reformverlierer wären. Bisher sind sie stärker als die möglichen Gewinner einer erfolgversprechenden Reform. Daraus folgt, dass die arabische Welt mit Ausnahme einiger Erdölemirate im internationalen Wettlauf mit den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas immer weiter zurückfällt. So liegt beispielsweise das Pro-Kopf-Einkommen in Singapur bei über 24.700 US-Dollar, in Südkorea bei 8.910 US-Dollar, in Thailand bei 2.010 US-Dollar, die drei größten lateinamerikanischen Länder Argentinien, Brasilien und Chile haben ein Pro-Kopf-Einkommen von 7.440, 3.570 und 4.600 US-Dollar während es in Ägypten, dem am weitesten entwickelten arabischen Land nur bei 1.490 US-Dollar liegt. Syrien und der Sudan liegen mit unter 1.000 US-Dollar noch deutlich darunter. [70]

Die traditionellen Lebensmuster, die sozialen Hierarchien und Autoritäten schwinden durch den Zwiespalt zwischen der alten Tradition und ihrer mit patriarchalischer Autorität gepaarten frommen Lebensführung und den neuen westlichen Einflüssen, die gerade diese, unter anderem durch Materialismus und Feminisierung untergräbt. Aus diesem Grunde reagiert die traditionelle Mittelschicht bei der Identitätssuche mit einer verstärkten Betonung des patriarchalischen Ideals. Die normative Form der patriarchalischen Ordnung wird in den Familien und den religiösen Gemeinschaften in radikalisierter Form dann auch aktiv gelebt. [71]

Die islamischen Fundamentalisten setzen unter anderem an dieser Stelle an. Ihre Führer „sind meist gebildet, leben in der Stadt und üben moderne Berufe wie Ingenieur, Journalist oder Rechtsanwalt aus“ [72] und sie sind es, die den Massen in den Slums nicht nur geistigen Halt und einfache Erklärungen für ihre Probleme geben, sondern auch ganz praktische soziale Hilfe, zum Beispiel mittels „funktionierender Wohlfahrtseinrichtungen und Dienstleistungen […], welche der [von ihnen verbreiteten] Ideologie Glaubhaftigkeit verleihen.“ [73] Die islamischen Fundamentalisten schreiben alle Leiden als unmittelbare Folgen der Kolonialzeit der Hegemonie des Westens zu und machen diesen so zum alleinigen Verursacher „für alle Mißstände der islamischen Welt.“ [74]

In den muslimischen Ländern im Nahen Osten können sich die fundamentalistischen Gruppen unreflektierter und höchst plakativer Parolen („Islam ist die Lösung“) bedienen, weil speziell in den Slumgürteln der urbanen Ballungsräume die soziale- Situation und die politische Frustration immer mehr zunimmt. Die desolate Wirtschaftssituation und die damit verbundene Perspektivlosigkeit der breiten Masse der Bevölkerung sind Folgen der erfolglosen Politik der letzten Jahrzehnte. In Ägypten beispielsweise wechselten mit den Politikern auch die Staatsideologien, war „unter Nasser der arabischer Sozialismus Staatsideologie […], vertraten Sadat und Mubarak eine Politik der Liberalisierung.“ [75] Ähnliche Entwicklungen machten sowohl Algerien und Syrien als auch die Feudalregime in Marokko oder Jordanien durch. Es wurde viel aus der Plan- oder der Marktwirtschaft ausprobiert, allerdings ohne die jeweils notwendigen funktionierenden Steuerungssysteme, also ohne effektive zentrale Kontrolle oder im Falle der Marktwirtschaft ohne die Rechtssicherheit einer unabhängigen Justiz oder einer unabhängigen Zentralbank. Was folgte war eine offene Wirtschaftskrise des arabischen Raumes, von einigen Erdöl exportierenden Ländern einmal abgesehen, mit den bekannten Folgen wie Armut, Arbeitslosigkeit, Landflucht, Wohnungsnot und schlechten Gesundheitsverhältnissen. Da aber nicht alle Bevölkerungsteile gleichermaßen betroffen waren, wuchsen auch die sozialen Disparitäten weiter an, weshalb sich die Bevölkerung verstärkt dem Islamismus und seinen Heilslehren zuwendet. [76]

 

3.6 Das Selbstverständnis der Muslime damals und heute

Das Selbstverständnis einer Nation, eines Volkes, einer Ethnie oder einer Gruppe trägt in großem Maße zum Selbstwertgefühl der Individuen und Mitglieder bei und wirkt dadurch nicht nur sinnstiftend, sondern auch gemeinschaftsbildend. In der islamischen Welt ist das Selbstverständnis zwiespältig, einerseits ist man Stolz, zur weltweit zweitgrößten Religionsgruppe zu gehören, man ist Stolz auf die kulturelle Identität und die Leistungen der Vergangenheit, andererseits gibt es ein kollektives Gefühl der Verunsicherung, fast schon ein kollektives Minderwertigkeitsgefühl, das mit der Invasion in Ägypten durch Napoleon 1789 endgültig eingesetzt hat und seitdem „zu einer ständigen Auseinandersetzung mit westlichen Vertretern aus Wissenschaft, Kultur und Politik aufgrund ihrer „militärisch-technische[n] Überlegenheit“ [77] führt. Drastisch verstärkt wurde dieses Gefühl durch den Sechs-Tage-Krieg 1967 zwischen Israel und allen seinen Nachbarn. Mit diesem einen Krieg hat ein einzelnes Land alle seine muslimischen Nachbarstaaten nicht nur besiegt, sondern gedemütigt und aus dieser militärischen Niederlage entwickelte sich durch das schon vorhandene kollektive Minderwertigkeitsgefühl „eine politische Legitimitäts- und eine sozio-kulturelle Identitätskrise“ [78], da das Volk die nationalistischen Regierungen für die schmachvolle Niederlage verantwortlich machte.

Die daraus resultierende Enttäuschung und Verunsicherung wird weiter verstärkt, indem die Mehrheit der Muslime diese Epoche der islamischen Zivilisation als rückständig und chaotisch empfindet. Sie sind enttäuscht, dass entgegen dem islamischen Prinzip der Brüderlichkeit und sozialen Verbundenheit die Mehrheit der Muslime in Armut lebt, während einige wenige ihrer Glaubensbrüder dem Sog des Westens erlegen sind und nun zu den reichsten und mächtigsten Männern der Welt gehören. Diese haben sich mit der westlichen Wirtschaft engagiert und bedienen sich nun der Erdölvorkommen zur Vermehrung ihres eigenen, privaten Wohlstandes. Auch hier scheint der Islam, der, bei strikter Einhaltung aller Regeln, eine sozial gerechte Gesellschaft etablieren soll, nicht zu funktionieren. Die allgemeine Verunsicherung resultiert nun daraus, dass sowohl der Islam als auch die Systeme der westlichen Welt die Lösung für die Probleme der Muslime versprechen. Aber beide Varianten, also sowohl der nicht fundamentalistisch gelebte Islam als auch die Versuche die westlichen Methoden zu übernehmen, haben nur an der individuellen Situation einiger weniger Muslime etwas zum Positiven verändert, für die breite Masse blieb die Situation gleich oder verschlechterte sich sogar noch. [79] Während die islamischen Fundamentalisten nun behaupten, man habe sich nicht streng genug an die Scharia gehalten und die antiislamischen, säkularen Bestrebungen des Westens seien Schuld, sehen die Muslime doch, dass es im säkularen Westen scheinbar besser zu funktionieren scheint.

Viele Muslime betrachten sich und die islamische Welt als von der Weltgemeinschaft ausgeschlossen, sehen sich als Verlierer der Geschichte und der Globalisierung und fühlen sich als Opfer des Schicksals gedemütigt. Als Beispiele für die Ausgrenzung wird häufig angeführt, dass kein Land einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat innehabe, dass einzelne Länder aufgrund der Aktivitäten einzelner Gruppierungen in ihrer Gesamtheit als „Schurkenstaaten“ gebrandmarkt würden, dass die Bewertungen bei westlichen Berichterstattungen immer zu Lasten der Muslime ginge bzw. muslimische Opfer nicht den selben Stellenwert hätten wie westliche Opfer von Anschlägen oder Katastrophen, dass Menschenrechtsverletzungen in islamischen Ländern nur dann angeprangert würden, wenn es sich nicht um westliche Verbündete handele, gegen Verstöße gegen UN-Resolutionen werde nur bei islamischen Ländern vorgegangen, Israel aber ließe man jeden Verstoß durchgehen, speziell wenn es sich um die von ihm besetzen Gebiete handele. Auch der Atomwaffensperrvertrag und die daraus resultierende ungleiche Verteilung von Atomwaffen wird als diskriminierend empfunden, kein islamisches Land (aktuell Pakistan und der Iran) darf Atomwaffen besitzen, während es Israel erlaubt ist. Das gerade die Erlaubnis für Israel als besonders beleidigend empfunden wird, ist das Ergebnis der schon erwähnten Ereignisse. Zu alledem kommt noch hinzu, dass der Begriff „Fundamentalismus“ im Westen inzwischen sehr inflationär verwendet wird und die Muslime befürchten, das der Islam mit Fundamentalismus gleichgesetzt werde, was zu einer Stigmatisierung aller Muslime überall auf der Welt, insbesondere der Minoritäten in westlichen Ländern, führe. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass islamische Bürger wenig Interesse haben, sich nach Westen zu orientieren. [80]

Das Gefühl der Unterlegenheit gegenüber dem Westen und die Angst der Überfremdung durch die ökonomische und kulturelle Dominanz des Westens bei gleichzeitiger Abhängigkeit von seinen Technologien zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit in den muslimischen Ländern und den damit verbundenen Möglichkeiten zur Bekämpfung der Armut schürt den Zwiespalt in der muslimischen Bevölkerung. [81]

[11] Vgl. dazu Bauer, S. 15 ff; Fisch, S. 274; Gemein, S. 17 ff; Karakaya, S. 19.
[12] Karakaya, S. 19.
[13] Vgl. dazu Karakaya, S. 19 ff; Riesebrodt, Martin: Islamischer Fundamentalismus aus soziologischer Sicht. In: Bundeszentrale für politische Bildung [Hrsg.]: Aus Politik und Zeitgeschichte. Heft 33. Bonn 1993. S. 11.
[14] Ebenda.
[15] Ebenda.
[16] Karakaya, S. 19.
[17] Bauer, S. 21 ff.
[18] Vgl. dazu Karakaya, S. 21 f; Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 12, 14.
[19] Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 12.
[20] Vgl. dazu Bundesamt für Verfassungsschutz [Hrsg.]: Islamismus. Entstehung und aktuelle Erscheinungsformen. Köln 2006. S. 11 ff, 24 f; Bundesministerium des Innern [Hrsg.]: Texte zur inneren Sicherheit. Islamismus. Berlin 2004. S. 20 ff, 45 ff; Karakaya, S. 25 f, 33; Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 12; Schimmelpfennig, S. 67 f; Tibi, Bassam: Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt. München 2001. S 238, 243; http://www.im.nrw.de/sch/586.htm entnommen am 20.9.2006 gegen 12:00 Uhr; http://de.wikipedia.org/wiki/Muslimbruderschaft entnommen am 20.9.2006 gegen 11:45 Uhr; http://de.wikipedia.org/wiki/Sayyid_Qutb entnommen am 20.9. gegen 11:45.
[21] Karakaya, S. 19.
[22] Ebenda, S. 31.
[23] Ebenda.
[24] Karakaya, S. 33.
[25] Karakaya, S. 32.
[26] Vgl. dazu Karakaya, S. 29, 32 f; Richert, S. 48.
[27] Karakaya, S. 36.
[28] Vgl. dazu Karakaya, S. 43; Richert, S. 35.
[29] Kepel, Gilles: Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus. München 2002. S. 289.
[30] Tibi, Kreuzzug, S 43; Tibi, Weltunordnung, S 67.
[31] Mehmet, Özey: Fundamentalismus und Nationalstaat. Der Islam und die Moderne. Hamburg 2002. S. 54; Vgl. dazu auch Bauer, S. 21 f.
[32] Tibi, Kreuzzug, S. 45.
[33] Mehmet, S. 54.
[34] Ebenda, S. 54 f.
[35] Vgl. dazu Mehmet, S 56 f; Riesebrodt, patriarchalische Protestbewegung, S. 152; Tibi, Kreuzzug, S. 33.
[36] Mehmet, S. 57.
[37] Vgl. dazu Tibi, Kreuzzug, S 33; Mehmet, S. 56 f.
[38] Mehmet, S. 58. Siehe hierzu auch Bauer, S. 21 f.
[39] Mehmet, S. 58.
[40] Ebenda.
[41] Tibi, Kreuzzug, S. 33.
[42] Vgl. dazu Karakaya, S. 21; Kienzler, S. 83 f.
[43] Vgl. dazu Richert, S. 27; Tibi, Weltunordnung, S. 156, 202.
[44] Vgl. dazu Kienzler, S. 83; Köktas, S. 121; Richert, S. 29.
[45] Richert, S. 26 f.
[46] Vgl. dazu Richert, S. 26 f; Tibi, Weltunordnung, S. 85.
[47] Kienzler, S. 84.
[48] Vgl. dazu Karakaya, S. 22 f; Riesebrodt, patriarchalische Protestbewegung, S. 152.
[49] Riesebrodt, patriarchalische Protestbewegung, S. 152.
[50] Ebenda, S. 154.
[51] Kienzler, S. 84.
[52] Karakaya, S. 23 f.
[53] Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 14.
[54] Ebenda, S. 13.
[55] Bauer, S. 19. Siehe hierzu auch Kienzler, S. 84 f.
[56] Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 13.
[57] Riesebrodt, Erneuerung der Moderne, S. 19.
[58] Kienzler, S. 89.
[59] Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 14.
[60] Tibi, „halber Moderne“, S. 5 f.
[61] Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 13; Richert, S. 33 f.
[62] Vgl. dazu Bundesamt für Verfassungsschutz, S. 13; Karakaya, S. 23; Kienzler, S. 89; Riesebrodt, Erneuerung der Moderne, S. 19; Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 14; Schimmelpfennig, S. 80.
[63] Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 13.
[64] Riesebrodt, patriarchalische Protestbewegung, S. 32.
[65] Schimmelpfennig, S. 80.
[66] Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 16.
[67] Vgl. dazu Bundesamt für Verfassungsschutz, S. 14; Bundesministerium des Innern, S. 19; Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern, S. 11; Karakaya, S. 24; Riesebrodt, Erneuerung der Moderne, S. 20; Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 13 ff, 33; Richert, S. 33; Tibi, „halber Moderne“, S. 5.
[68] Vgl. dazu Karakaya, S. 56; Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 11; Tibi, Kreuzzug, S 238; Tibi, „halber Moderne“, S. 3ff.
[69] Vgl. dazu Gemein, S. 76; Schimmelpfennig, S. 42 und 60.
[70] http://www.bpb.de/publikationen/U3LS22,1,0,Europa_und_die_arabischen_L%E4nder_Krisenpotenziale_im_s%FCdlichen_Mittelmeer raum.html entnommen am 15.9.2006 gegen 10:15 Uhr. Vgl. dazu auch World Bank [Hrsg.]: World Development Report 2002. Building Institutions for Markets. Washington, D. C. 2002, S. 232-233.
[71] Vgl. dazu Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern, S. 11; Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 14; Schimmelpfennig, S. 43.
[72] http://www.bpb.de/publikationen/ZFTQZH,0,0,Politischer_Islam_im_20_Jahrhundert.html entnommen am 15.9.2006 gegen 13:00 Uhr.
[73] Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 13. Siehe hierzu auch Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern, S. 11; http://www.im.nrw.de/sch/605.htm entnommen am 15.9.2006 gegen 15:00 Uhr.
[74] Kienzler, S. 87.
[75] Schimmelpfennig, S. 47.
[76] Vgl. dazu Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern, S. 11 f; Schimmelpfennig, S. 47 f; http://www.bpb.de/ publikationen/U3LS22,0,0,Europa_und_die_arabischen_L%E4nder_Krisenpotenziale_im_s%FCdlichen_Mittelmeerraum.html entnommen am 15.9.2006 gegen 10:15 Uhr; http://www.bpb.de/publikationen/U3LS22,1,0,Europa_und_die_arabischen_L%E4nder_Krisenpotenziale_ im_s%FCdlichen_Mittelmeerraum.html entnommen am 15.9.2006 gegen 10:15 Uhr.

[77]
http://www.bpb.de/publikationen/E66CT1,1,0,Zum_Verh%E4ltnis_von_Wissenschaft_Technologie_und_Globalisierung_in_der_arabisc hen_Welt.html entnommen am 15.9.2006 gegen 9:45 Uhr.
[78] Tibi, Kreuzzug, S. 244.
[79] Vgl. dazu Mehmet, S. 60; Schimmelpfennig, S. 43.
[80] Vgl. dazu Estermann, Josef: Im Namen welchen Gottes? Zum Verhältnis von Religionen und Gewalt. In. Eimuth, Kurt-Helmuth; Lemhöfer, Lutz [Hrsg.]: Forum - Streifzüge durch die Welt der Religionen. Bd. 19. Terror - um Gottes willen? Religion und Gewalt. Frankfurt a. M. 2002. S. 44. Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 11; http://www.bpb.de/publikationen/E66CT1,3,0,Zum_Verh%E4ltnis_von_Wissenschaft_Technologie_und_Globalisierung_in_der_arabischen_Welt.html entnommen am 15.9.2006 gegen 10:00 Uhr.
[81] http://www.bpb.de/publikationen/E66CT1,1,0,Zum_Verh%E4ltnis_von_Wissenschaft_Technologie_und_Globalisierung_in_der_arabisc hen_Welt.html entnommen am 15.9.2006 gegen 9:45 Uhr.

 

4. Zusammenfassung und Ergebnis

Muslime wollen dem aus islamischer Sicht stetig zunehmenden Werteverlust in den westlichen Gesellschaften die eigenen Traditionen entgegensetzen. Daher hat die restriktive Auslegung ihrer Religion sowohl unter Muslimen in den islamischen Ländern als auch unter Muslimen in den nichtislamischen Ländern Hochkonjunktur.

Nach dem Kolonialismus und dem Scheitern der großen Ideologien wie dem Panarabismus oder dem arabischen Sozialismus werden nun die religiösen Themen und Methoden als Ersatz für fehlende Lebensperspektiven benutzt. Die Muslime hoffen im Glauben nicht nur Rückhalt zu finden, sondern auch die „Bestätigung der eigenen kulturellen Identität“ [82]. Es wird versucht die Unterlegenheit gegenüber dem Westen und die als mindestens genauso peinlich empfundene, immer weiter fortschreitende, Unterlegenheit gegenüber den anderen ehemaligen Mit-Dritte-Welt-Ländern durch die im Koran stehenden Offenbarungen und Verheißungen zu kompensieren. [83]

Die islamische Welt erlebte den säkularen und utilitaristischen Westen in der Regel „nicht im Gewand der Aufklärung“ [84], sondern als technisch und wirtschaftlich überlegene Kolonialmacht [85] bzw. als eine technisch höchstgerüstete Streitmacht, die ihre eigenen Interessen in mehreren Kriegen im Nahen Osten, oft auch unter fadenscheinigen oder sich später als inszeniert herausgestellten Gründen, mehr oder minder rücksichtslos vertritt. Für die Muslime ist daher die westliche Moderne mit Aufklärung, Emanzipation, Säkularisation, dem Streben nach ökonomischem Fortschritt und den daraus folgenden utilitaristischen Gesellschaftsstrukturen ein problematischer Zustand, denn mit einer derartigen Entwicklung wird auch ihre Religion, ihre Geschichte, ihre Tradition und ihr soziales Umfeld bedroht. Für die Muslime besteht das Leben aus einer religiösen Gesellschaft, nicht aus den zwei Bereichen privater Religion und öffentlicher Gesellschaft. [86]

Es wurde in den islamischen Ländern mehrmals versucht westliche Ideen, Systeme und Ideologien (Verwestlichung, Sozialismus, arabischer Nationalismus) zu importieren, aber sie waren alle erfolglos. Nun erfolgt der Rückgriff auf die eigene Tradition wobei die „ursprüngliche islamische Ordnung, angelehnt an die fromme Lebensführung der traditionellen Mittelschicht, idealisiert und gleichzeitig aber in politischer und religiöser Hinsicht radikalisiert“ [87] wird. [88]

Die islamischen Länder stehen den Herausforderungen, die die Globalisierung mit sich bringt unvorbereitet gegenüber, da zentrale Fragen der Verteilung von Land-, Wasser- und Energieressourcen bisher unbeantwortet sind und deren Nichtbeantwortung durch außenpolitische Aktivitäten und zwischenstaatliche Konflikte in der Region nicht nur gefördert, sondern zum Teil auch bewusst verdeckt wird. [89]

Die Unfähigkeit der Regierung, diese sozialen Probleme zu lösen, ließ weite Bevölkerungskreise nach einer Alternative suchen. [90] Die unteren Bevölkerungsschichten sind auf die sozialen Leistungen und Dienste der Islamisten angewiesen, denn diese liefern nicht nur theoretische Ideengerüste zur Lösung der sozialpolitischen und wirtschaftlichen Probleme, sondern befriedigen auch praktisch die menschlichen Grundbedürfnisse. Zwei Eigenschaften, die bei den von der staatlichen Sozialpolitik im Stich gelassen und enttäuschten Menschen immer auf fruchtbaren Boden fallen. [91] Besagtes macht sie für den islamischen Fundamentalismus empfänglich, da sich dieser nicht nur für die moralischen oder religiösen Vorstellungen der eigenen Gesellschaft einsetzt, sondern sich auch gegen westliche Modernisierungsprozesse, gegen die ungleiche Machtverteilung zwischen dem Norden und dem Süden wendet und sozusagen als Zugabe alte Konfrontationen zwischen Orient und Okzident schürt bzw. wieder aufleben lässt. All dieses dient als einigendes Band das den Anhängern nicht nur zur Orientierung, sondern auch zur Identifikation dient. [92]

Der islamische Fundamentalismus ist demnach eine Reaktion auf die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Modernisierungsversuche der Regierungen und ihre ausbleibenden Erfolge, dabei werden die sozialen Leistungen der islamistischen Gruppen zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz der staatlichen Sozialpolitik und helfen den islamischen Fundamentalisten auf diese Weise sich zu einer Bedrohung der Legitimation der jeweiligen Regierung und ihrer Staatsideologie zu entwickeln, denn angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Krisenerscheinungen in den islamischen Ländern wird es für fundamentalistische Agitatoren immer einfacher Anhänger für ihre Ideen zu rekrutieren. [93]

[82] http://www.bpb.de/publikationen/U3LS22,2,0,Europa_und_die_arabischen_L%E4nder_Krisenpotenziale_im_s%FCdlichen_Mittelmeerr aum.html entnommen am 15.9.2006 gegen 10:30 Uhr.
[83] Ebenda.
[84] Tibi, Weltunordnung, S. 154.
[85] Ebenda.
[86] Vgl. dazu Riesebrodt, patriarchalische Protestbewegung, S. 27 f; Tibi, Kreuzzug, S. 239; http://www.bpb.de/ publikationen/ZFTQZH,0,0,Politischer_Islam_im_20_Jahrhundert.html entnommen am 15.9. 2006 gegen 13:00 Uhr.
[87] Riesebrodt, soziologischer Sicht, S. 16.
[88] Ebenda.
[89] http://www.bpb.de/publikationen/U3LS22,1,0,Europa_und_die_arabischen_L%E4nder_Krisenpotenziale_im_s%FCdlichen_Mittelmeer raum.html entnommen am 15.9.2006 gegen 10:15 Uhr.
[90] Schimmelpfennig, S. 79.
[91] Ebenda, S. 70.
[92] Vgl. dazu Riesebrodt, patriarchalische Protestbewegung, S. 27 f; Richert, S. 38; Tibi, Kreuzzug, S. 239; http:// www.bpb.de/publikationen/ZFTQZH,0,0,Politischer_Islam_im_20_Jahrhundert.html entnommen am 15.9. 2006 gegen 13:00 Uhr.
[93] Schimmelpfennig, S. 67.

 

5. Literatur

5.1 Verwendete Literatur

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Bundesamt für Verfassungsschutz [Hrsg.]: Islamismus. Entstehung und aktuelle Erscheinungsformen. Köln 2006.

Bundesministerium des Innern [Hrsg.]: Texte zur inneren Sicherheit. Islamismus. Berlin 2004.

Estermann, Josef: Im Namen welchen Gottes? Zum Verhältnis von Religionen und Gewalt. In. Eimuth, Kurt-Helmuth; Lemhöfer, Lutz [Hrsg.]: Forum - Streifzüge durch die Welt der Religionen. Bd. 19. Terror - um Gottes willen? Religion und Gewalt. Frankfurt a. M. 2002.

Fisch, Heinrich [Hrsg.]: Sozialkunde. Frankfurt am Main, 2004.

Gemein, Gisbert J.; Redmer, Hartmut: Islamischer Fundamentalismus. Münster 2005.

Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern [Hrsg.]: Islamistische Extremisten. Vom Gebet zum Gottesstaat. Schwerin 2001.

Karakaya, Ismail: Islam und islamischer Fundamentalismus in der Neuzeit. Marburg 2004.

Kepel, Gilles: Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus. München 2002.

Kienzler, Klaus: Der religiöse Fundamentalismus. Christentum, Judentum, Islam. München 1999.

Köktas, Mehmet Emin: Islamischer Fundamentalismus. Eine kritische Analyse. In: Alkier, Stefan [Hrsg.]: Religiöser Fundamentalismus. Analysen und Kritiken. Tübingen 2005.

Mehmet, Özey: Fundamentalismus und Nationalstaat. Der Islam und die Moderne. Hamburg 2002.

Richert Robert: Islamischer Fundamentalismus und politischer Islamismus. Schmalkalden 2001.

Riesebrodt, Martin: Die fundamentalistische Erneuerung der Moderne. In: Kindelberger, Kilian [Hrsg.]: Fundamentalismus. Politisierte Religionen. Potsdam 2004.

Riesebrodt, Martin: Fundamentalismus als patriarchalische Protestbewegung. Amerikanische Protestanten (1910-28) und iranische Schiiten (1961-79) im Vergleich. Tübingen 1990.

Riesebrodt, Martin: Islamischer Fundamentalismus aus soziologischer Sicht. In: Bundeszentrale für politische Bildung [Hrsg.]: Aus Politik und Zeitgeschichte. Heft 33. Bonn 1993.

Schimmelpfennig: Monika: Re-Islamisierung und Islamismus. Hintergründe und sozialpolitischen Ursachen am Beispiel Ägypten. Marburg 2005.

Tibi, Bassam: Der islamische Fundamentalismus zwischen „halber Moderne“ und politischem Aktionismus. In: Bundeszentrale für politische Bildung [Hrsg.]: Aus Politik und Zeitgeschichte. Heft 33. Bonn 1993.

Tibi, Bassam: Die neue Weltunordnung. Westliche Dominanz und islamischer Fundamentalismus. München 2001.

Tibi, Bassam: Im Schatten Allahs. München 1994.

Tibi, Bassam: Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt. München 2001.

 

5.2 Internetquellen

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http://www.islaminstitut.de/Artikelanzeige.41+M545bf75d6f4.0.html entnommen am 11.9.2006 gegen 11:15 Uhr.

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