Lexikonartikel - Friedrich V. von der Pfalz
(* 26.8.1596 in Amberg, † 29.11.1632 in Mainz)
Friedrich V. war
der älteste Sohn von Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz
(1574-1610) und Louise Juliane (1576-1644), der Tochter des Ersten
Generalstatthalters der Vereinigten Niederlande Fürst Wilhelm I. von
Nassau-Oranien und seiner Frau Charlotte von Bourbon-Montpensier.
Die nach mehrjährigen Verhandlungen zustande gekommene Ehe mit
Elisabeth Stuart (1596-1662), der Tochter von König Jakob I. von
England, brachte 13 Kinder hervor.
Der Kurfürst
Friedrich V. gehört zu den Personen, deren Spottname der bekanntere
Name ist. Sein Spottname „Winterkönig“ geht auf ein kaiserliches
Flugblatt zurück, in dem Friedrich V. erstmalig als FrIDerICVs ReX
HyeMIs (Fredericus I Winterkönig) bezeichnet wurde. Die Verbreitung bis heute verdankt er unter
anderem Friedrich Schiller, der in seiner „Geschichte des
Dreißigjährigen Krieges“ nicht mit negativen Attributen für
Friedrich V. gespart hat. Noch zu Friedrichs Lebzeiten versuchte die
pfälzische Presse mehrmals auf diesen Spottnamen zu reagieren,
konnte aber letztendlich nichts gegen ihn ausrichten, zu prägnant
war die Beschreibung, auch wenn die tatsächliche Regierungszeit als
böhmischer König länger andauerte als nur einen Winter.
Die neuere
Forschung versucht zu beweisen, dass Friedrich V. nicht der geistig
schwache, engstirnige, von seinen Räten abhängige und von seiner
Religion und seiner Ehefrau getriebene Fürst war, als der er bisher
dargestellt wurde. Statt dessen beschreibt sie ihn als einen sowohl
höfisch und theologisch als auch politisch hoch gebildeten und mit
politischem Verantwortungsbewusstsein ausgestatteten jungen Fürsten,
der im Stande war seine Ziele und Sprache dem jeweiligen
Kommunikationspartner anzupassen, die Religion von der Politik zu
trennen und die Komplexität der zeitgenössischen politischen
Zusammenhänge zu erkennen. Die Fähigkeit Friedrichs zur Trennung von
Politik und Kirche ist jedoch als fragwürdig einzustufen,
schließlich ist die zwingende Trennung von Religion und Politik in
den Lehren Calvins nicht vorgesehen, im Gegenteil bei den
Reformatoren Calvin, Zwingli wurde beides zweckdienlich miteinander
vermischt. Des Weiteren war es das Anliegen mehrerer
Pfalzgrafengenerationen dem Kalvinismus zur politischen Anerkennung
zu verhelfen.
Im Alter von neun
Jahren wurde Friedrich V. nach Sedan an den Hof seines Onkels
geschickt, wo ihm neben der dogmatisch religiösen Ausbildung auch
all jenes Wissen vermittelt wurde, das ein damaliger Staatsmann und
Stellvertreter des Kaisers benötigte. Nach dem Tode seines Vaters
folgte ein Vormundschaftsstreit, da Friedrich IV. die Goldene Bulle
von 1536 und alle geltenden Gesetze missachtete und per Testament
statt des gesetzlichen Vormundes, dem lutherischen Pfalzgrafen von
Neuburg, den kalvinistischen Johann II. von Zweibrücken als Vormund
bestimmte.
Für den überzeugten Kalvinisten Friedrich V. war die Religion überaus wichtig. Gemäß
der älteren Literatur war der Glaube für Friedrich die Stütze und
der Leitfaden, nach dem er alles ausgerichtet habe. Diese religiöse
Einstellung war es auch, die es seinem Hofprediger Abraham Scultetus
kurz vor Weihnachten 1619 erlaubte einen Bildersturm im Prager
St.-Veits-Dom zu veranstalten. Für die mehrheitlich katholischen
Böhmen war jedoch die Zerstörung von Altären, Plastiken, Bildern und
Reliquien, zu denen auch Gräber gehörten, eine Beleidigung Gottes.
Verstärkt wurde das Missverhältnis zwischen ihm und seinem
böhmischen Volk durch seine kurz nach der Krönung gegebene Zusage
der Glaubensfreiheit und der Befolgung des Majestätsbriefes, sowie
durch den neuen, französischen Lebensstil am Hofe, durch die neu
eingeführte allgemeine Wehrpflicht und die massive Steuererhöhung.
Kurfürst Friedrich
V. von der Pfalz war als primus inter pares der ranghöchste
weltliche Kurfürst und Stellvertreter des Kaisers, gleichzeitig war
Friedrich V. der Führer der Protestantischen Union und zusammen mit
dem Kurfürsten von Sachsen bildete der pfälzische Kurfürst die
Interimsregierung zwischen dem Tod eines Kaisers bis zur der Wahl
seines Nachfolgers.
Friedrichs Vater
hatte lieber seine Räte regieren lassen und auch der junge und
politisch unerfahrene Friedrich V. überließ seinen beiden
wichtigsten Beratern Christian I. von Anhalt-Bernburg und später
Ludwig Camerarius, die auch schon die Entstehung der
Protestantischen Union und den Jülich-Klevischen Erbfolgestreit
beeinflusst hatten, die Masse der politischen Entscheidungen, die er
dann nur noch absegnete.
Mit dem Prager
Fenstersturz vom 23.5.1618 war aus dem schwelenden Konflikt in
Böhmen zwischen den protestantischen Ständen und ihrem katholischen
König, dem Habsburger Ferdinand II., eine offene Konfrontation
geworden. Als im März 1619 der im Konflikt vermittelnde Kaiser
Mathias starb, verschärfte sich der Konflikt in Böhmen und Ferdinand
II. wurde im August 1619, trotz der intensiven Bemühungen der
Pfälzer, zum neuen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt.
Alle anderen Kandidaten, denen die Kaiserkrone angetragen worden
war, hatten abgelehnt. Oft mit einer ähnlichen Begründung wie
Maximilian I. von Bayern, der der Meinung war, dass sein Land nicht
stark genug für die Kaiserkrone sei. Am Tag der Kaiserkrönung, dem
18.8.1619, erhielt Friedrich die Nachricht, dass Ferdinand abgesetzt
und er zum neuen böhmischen König gewählt worden sei. Für die Wahl
der böhmischen Stände waren sowohl Überlegungen zur Zugehörigkeit
Friedrichs zum Protestantismus, seine weitreichenden familiären
Kontakte als auch seine Kurwürde ausschlaggebend gewesen. Die
Annahme der Königskrone bedeutete jedoch gleichzeitig eine
pfälzische Einmischung auf böhmischer Seite in den
böhmisch-kaiserlichen Konflikt. Da an die böhmischen Lande auch eine
Kurstimme gebunden war, konnte die katholische Seite dieses nicht
akzeptieren. Immerhin hätte der protestantische Friedrich, falls der
Kurverein zustimmte, zwei Kurwürden auf sich vereinigt. Und so hatte
ihn unter anderem sein katholischer Vetter, Maximilian I. von
Bayern, explizit vor der Annahme der böhmischen Königskrone gewarnt
und ihm mit der militärischen Intervention gedroht. Wegen dieses
Dilemmas und entgegen der inzwischen widerlegten Legende, seine Frau
habe ihn überredet, hatte Friedrich bei vielen Räten und anderen
europäischen Herrschern Rat eingeholt und die Mehrheit hatte ihm
abgeraten die Krone anzunehmen. Dennoch nahm Friedrich Ende
September 1619 die Wahl an. Überzeugt wurde er vermutlich von seinem
Berater Christian von Anhalt, der konsequenten antihabsburgischen
Politik der Pfalz, der Angst vor einer papistischen
Weltverschwörung,
der religiösen Überzeugung den Kalvinismus voranzubringen sowie den
wirtschaftlichen Vorteilen (Oberpfalz und Böhmen bildeten das
Eisenzentrum Europas).
Wie schon von
Maximilian I. von Bayern angekündigt, kam es zum Krieg zwischen
Böhmen und dem Kaiser und nach einer Reihe ergebnisloser Scharmützel
standen die kaiserlichen Truppen vor Prag. Während Christian von
Anhalt und die Generäle das Militärische übernahmen, kümmerte sich
der in militärischen Dingen ahnungslose Friedrich um den Nachschub.
Dadurch saß er am 8.11.1620 mit englischen Gesandten in der Stadt
beim Mittagessen, als seine Truppen, trotz besserer strategischer
Ausgangslage, am Weißen Berg vernichtend geschlagen wurden. Noch am
selben Tag floh Friedrich mit Familie und Gefolge über Schlesien
nach Brandenburg, wo sie im Januar 1621 ankamen, und wo Christian
von Anhalt dann seinen Dienst quittierte. Noch im selben Monat
verhängte der Kaiser die Reichsacht über Friedrich, so dass dieser
in die Niederlande fliehen musste. Kurz darauf löste sich auch die
Protestantische Union auf. Hinter dieser Demonstration kaiserlicher
Macht wird Maximilian I. von Bayern vermutet, der die Pfälzer
Kurwürde für sich beanspruchte und diese 1623 im Geheimen und auf
rechtswidrige Weise erhielt. Erst 1628 wurde sie ihm öffentlich
zuerkannt und er offiziell in den Kurverein aufgenommen.
Nach dem Verlust
seiner Erblande und seiner Kurwürde zog sich Friedrich ins
Privatleben zurück und überließ seinen Beratern, allen voran Ludwig
Camerarius, das politische Tagesgeschäft der Exilregierung. Da er
keine militärische Macht aufbringen konnte, versuchte er auf ebenso
friedliche, wie erfolglose Weise seine Kurwürde zurückzuerhalten. Er
entschuldigte sich 1630 auf dem Regensburger Reichstag sogar
schriftlich beim Kaiser, aber er schlug demütigende Angebote ebenso
aus, wie Angebote die nicht zur vollständigen Restitution als
Pfälzer Kurfürst führten. Als der schwedische König Gustav II. Adolf
1631 in den Dreißigjährigen Krieg eingriff, sah Friedrich seine
große Chance nahen. Allerdings blieben seine Bitten um militärische
Unterstützung beim englischen König Karl I., der seinem
Schwiegervater Jakob I. auf den Thron gefolgt war, ungehört.
Nachdem die
englische Hilfe auch nach der Eroberung Münchens 1632 noch immer
nicht zugesichert werden konnte, fragte Friedrich V. den
schwedischen König nach seinen Bedingungen für die Restitution der
Pfalz und der Kurwürde ohne englische Hilfe. Was Gustav Adolf
verlangte, konnte Friedrich aber nicht annehmen. Friedrich sollte
das Luthertum in der Pfalz zulassen, alle strategisch oder
wirtschaftlich wertvollen Gebiete sollten in schwedischer Hand
bleiben und Friedrich sollte die restlichen Erblande als Lehen von
Gustav Adolf erhalten und ihn als alleinigen Herren anerkennen.
Nachdem die Verhandlungen über die Forderungen erfolglos blieben,
blieb Friedrich nichts anderes übrig, als zu seiner Familie ins Exil
in den Niederlanden zurückzukehren. Auf dieser Rückreise verstarb er
am 29.11.1632 an einer Pestinfektion in Mainz. Dass sich England zu
guter Letzt dazu durchgerungen hatte, ihm ein Heer auszustatten,
erfuhr er nicht mehr. Seine sterblichen Überreste gingen bei der
Überführung nach Sedan aufgrund der Kriegswirren irgendwo zwischen
Metz und Sedan verloren.
Die Kurfrage blieb
auch nach Friedrichs Tod umstritten und erst im April 1647 waren
endgültig alle Formalitäten zur Schaffung einer Achten Kur für
Friedrichs Sohn Karl Ludwig von der Pfalz erledigt.
verwendete Literatur
Frese, Annette; Hepp, Frieder; Ludwig, Renate [Hrsg.]: Der Winterkönig. Heidelberg zwischen höfischer Pracht und Dreißigjährigem Krieg. (Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg, 21.11.2004-27.2.2005.) Remshalden 2004.
Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften [Hrsg.]: Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 7. Leipzig 1878.
Historische Kommission bei der Bayrischen Akademie der Wissenschaften [Hrsg.]: Neue deutsche Biographie. Bd. 5. Berlin 1961.
Kraus, Andreas: Maximilian I. Bayerns großer Kurfürst. Köln [u. a.] 1990.
Pursell, Brennan C.: The Winter King. Frederick V of the Palatinate and the coming of the Thirty Year’s War. Aldershot 2003.
Repgen, Konrad: Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede. Studien und Quellen. Paderborn [u. a.] 1998.
Stadtarchiv Amberg [Hrsg.]: Der Winterkönig. Königlicher Glanz in Amberg. Vortragsreihe des Stadtarchivs Amberg zur Landsausstellung 2003. Amberg 2004.
Wolf, Peter [Hrsg.]: Der Winterkönig. Friedrich von der Pfalz. Bayern und Europa im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Stuttgart 2003.
Wolf, Peter [Hrsg.] [u. a.]: Der Winterkönig. Friedrich V., der letzte Kurfürst aus der Oberen Pfalz. Amberg, Heidelberg, Prag, Den Haag. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2003, Stadtmuseum Amberg. Augsburg 2003.
Wolgast, Eike: Reformierte Konfessionen und Politik im 16. Jahrhundert. Studien zur Geschichte der Kurpfalz im Reformationszeitalter. (Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Bd. 10.) Heidelberg 1998.
weiterführende Literatur
Die hier genannte Literatur ist zwar drei Monate vor dem Abgabetermin via Fernleihe bestellt worden, aber bis zum Abgabetag nicht eingetroffen. Bei der folgenden Literatur handelt es sich demnach um vom Autor nicht überprüfte Werke, die andere Autoren in ihren Arbeiten zu Friedrich V. sehr ausgiebig verwendet haben.
Bilhöfer, Peter: Nicht gegen Ehre und Gewissen. Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz - der Winterkönig von Böhmen (1596 - 1632). Heidelberg 2004.
Lipowski, Felix Joseph: Friederich V. Churfürst von der Pfalz und König von Böhmen. Eine historisch-biographische Schilderung. München 1824.
Bildnachweis
http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Reiterbild_Friedrichs_V._C-J_171.jpg entnommen am 4.1.2006 gegen 14:00 Uhr.
|